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Boulevardisierung? Ein Studie attestiert ARD und ZDF, kein Glaubwürdigkeitsproblem zu haben

Das öffentlich-rechtliche Programm unterscheide sich nur noch "graduell" von dem der Privaten, rüffelte im März der Chef der sächsischen Staatskanzlei, Johannes Beermann (CDU), und kritisierte unter anderem die "Boulevardisierung der Nachrichtensendungen". Der Vorwurf, der in wissenschaftlichen Inhaltsanalysen durchaus untermauert wurde, ist fast genauso alt wie das Duale System. Doch beim Publikum ist er nicht angekommen.

70:40
Laut einer in der Fachzeitschrift Media-Perspektiven publizierten Untersuchung machen die Fernseh-Zuschauer vor allem bei Informationsprogrammen nach wie vor große Unterschiede zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten. Über 70 Prozent attestieren ihnen, ausführlich und gründlich über Tagesereignisse zu berichten oder über sachkundige Korrespondenten zu verfügen, während RTL bei diesen Fragen unter 40 Prozent bleibt.

Generell liegt die ARD beim Informations-Profil fünf und mehr Prozentpunkte vor dem ZDF. Umso deutlicher bleiben Sat.1 und ProSieben hinter RTL zurück. Die Zahlen beruhen auf einer alljährlichen repräsentativen Befragung von 3.000 Erwachsenen ab 14 Jahren im Auftrag der ARD.

Quote und Legitimation
Vor sieben Jahren prognostizierte der damalige bayerische Staatsminister Erwin Huber den öffentlich-rechtlichen ein "Legitimationsproblem": Sie orientierten sich zu stark an der Quote. Das Fernsehpublikum sieht da wohl kein Problem. 70 Prozent der Befragten beurteilen das erste Programm als glaubwürdig, 63 Prozent das ZDF. Dagegen unterstellt die Hälfte des Publikums, RTL sei "nur auf Quote aus".

Es lässt sich nicht einmal sagen, dass die Öffentlich-Rechtlichen, wenn sie denn schon vor den Privaten liegen, in letzter Zeit an Glaubwürdigkeit verloren hätten. Die letzte Befragung führte TNS Infratest im Herbst 2010 durch; in den letzten zehn Jahren hätten sich die Werte für die Vertrauenswürdigkeit der Sender "eher wenig" verändert, schreiben die beiden Medienforscher Camille Zubayr und Stefan Geese, die beide für die ARD arbeiten.

Eingebrannte Rollenbilder
Vielleicht sind die "klaren Rollenbilder" (NZZ) auf dem deutschen Fernsehmarkt sogar so stark eingebrannt, dass sie selbst die Quote überstrahlen. Bei der Frage, welchen Sender sie für unverzichtbar hielten, nannten nämlich 23 Prozent der Befragten das Erste Programm und nur 20 Prozent RTL, obgleich der Kölner Privatsender 2010 klarer Marktführer wurde.

Ob da beim Interview einige der repräsentativ Befragten ihre Fernsehgewohnheiten retrospektiv über den Haufen geworfen haben? Und wie viele jener 65 Prozent der Befragten, die der ARD die höchste Spartenkompetenz bei Nachrichtensendungen zusprechen, urteilen nach dem Hörensagen, statt tatsächlich regelmäßig die Tagesschau zu schauen? Selbst wenn es so wäre: Auch eine Vorspiegelung falscher TV-Vorlieben bestätigt Profil und Unverzichtbarkeit der Öffentlich-Rechtlichen, wie sie von den Intendanten der Anstalten oft und gerne beschworen werden.
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