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Echte und falsche Tränen um Radio Multikulti

Nicht totzukriegen: Aus Radio Multikulti wird Multicult 2.0 im Internet
Foto: multicult.eu
Nicht totzukriegen: Aus Radio Multikulti wird Multicult 2.0 im Internet
Foto: multicult.eu
"Die Stimme aus dem Funkhaus Europa klingt irgendwie blond. Auf jeden Fall ist sie vollkommen akzentfrei. Und sie ist frei von jeder Spezifik, frei von Konflikten, Chancen, frei von jeglicher Nähe zum wahren Leben und daher natürlich auch frei von Humor." Schreibt Anetta Kahane im Tagesspiegel über das WDR-Programm Funkhaus Europa, das seit 1. Januar auf den Frequenzen des eingestellten Berlin-Brandenburger Radio Multikulti sendet.

Aber bitte mit Akzent
Kahane war mal die erste und letzte Ausländerbeauftragte Ost-Berlins; heute ist sie Vorsitzende einer antirassistischen Stiftung. Das macht sie aber noch nicht zur Expertin für gut oder schlecht gemachtes Radio. Kahane ist Funkhaus Europa zu "akzentfrei". Wahr ist, dass Radiomacher bei O-Tönen gerne Akzentsprecher einstreuen; das macht das Programm bunter, aber nicht notwendigerweise besser.

Schwerer wiegt Kahanes Vorwurf, politisch scheine der Sender "jeglichem Konflikt aus dem Weg gehen zu wollen". Falls damit der Anspruch gemeint sein sollte, nicht nur politische Akzente der einen oder anderen Couleur zu setzen, sondern einen anspruchsvollen politischen Journalismus zu versuchen: leider konnte auch Multikulti diese Forderung nicht einlösen. Die 1994 gegründete Welle war von Anfang an unterbesetzt und lebte zum Teil von schlecht bezahlten Freien.

Journalistisch unterbesetzt
Zuletzt machten 28 feste Mitarbeiter das Vollprogramm, und das war ihm oft anzuhören. Deutschsprachige Hörer mögen vor allem wegen der Musik eingeschaltet haben, und die Akzente der Moderatoren klangen für sie vermutlich exotisch und vielversprechend.

Aber das Beste an Multikulti waren die Fremdsprachen-Programme am Abend. Das türkischsprachige Programm reflektierte einen Teil des Lebens in Berlin, und was während der Kriege in Jugoslawien gesendet wurde, war wichtig, weil es ein Gegengewicht zu Barberei und ewiger Schuldzuweisung bildete.

Emotionale Bindung
Dass Multikulti trotz Unterfinanzierung eine so große emotionale Bindung zu seinen Hörern aufbauen konnte, spricht für seine Mitarbeiter. Der Wunsch von Christoph Singelnstein, dem Funkhaus Europa möge ähnliches gelingen, wird unerfüllt bleiben müssen, auch wenn der RBB-Hörfunkdirektor das neue Programm für "Liebhaber der Weltmusik" empfiehlt. Musik kann einiges kitten. Aber Köln ist doch sehr weit von Berlin und seinen Migranten-Communitys entfernt.

Immerhin haben Multikulti-Fans die Chance, ihren Sender im Internet wiederzufinden. Seit der Sylvesternacht streamt das Online-Radio Multicult ein Programm, an dem ehemalige Mitarbeiter und Unterstützer des eingestellten Senders beteiligt sind.
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