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Krautreporter, die journalistische Wundertüte

Viele, viele bunte Krautreporter
Foto: Screenshot
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Viele, viele bunte Krautreporter
Foto: Screenshot
Die Krautreporter sind nicht nur das erste journalistische Startup aus Deutschland, das sich per Crowdfunding finanziert, sondern auch der Versuch, aus lauter Freelancern eine richtige Redaktion zu bauen. Ersteres - über 900.000 Euro als Start-Finanzierung für ein Jahr - haben sie im Endspurt bereits geschafft. Alles andere folgt bei den Krautreportern dem Prinzip Wundertüte.

Finanzierung im Endspurt
15.000 Unterstützer, die jeweils 60 Euro zahlen, wollten die Krautreporter binnen eines Monats finden. Am Ende des 13. Juni zur Deadline waren es sogar 16.529. Allerdings weist die zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels abgerufene Unterstützerliste nur 14.666 Namen auf. (Da die Krautreporter das Crowdfunding nicht über Dritte, sondern in Eigenregie durchführten, muss man sich auf deren Angaben verlassen.) Die Diskrepanz soll sich durch einzelne Mehrfach-Unterstützer, deren Stimmpakete die Betreiber noch offenlegen wollen, erklären. Vor allem die Rudolf-Augstein-Stiftung, die 1.000 Abos im Paket kaufte, hat die Kampagne noch über die Ziellinie gebracht, wie diese Auswertung von Achim Tack zeigt. Und ein paar Geisterstimmen sind auch dabei.

Es ist ein Erfolg, der sich mangels vergleichbarer Projekte schwer einordnen lässt. Die holländische Website De Correspondent, die als Vorbild gelten darf, fand 2013 ebenfalls mehr als 15.000 Spender, die 60 Euro zahlten. Die Berliner taz nimmt als Verlagsmedium mit ihrer Paywahl jeden Monat normalerweise über 10.000 Euro ein. Bei Krautreporter liegt das Budget auf den Monatsdurchschnitt umgerechnet bei 75.000 Euro.

Was ihr wollt
Im September oder Oktober soll das Online-Magazin starten - ganz ohne Werbung und ohne Paywall. Was die Krautreporter nicht wollen, ist also klar. Aber was wollen sie? Laut eigenem Claim will Krautreporter den Online-Journalismus reparieren. Der sei nämlich "kaputt". Abgesehen von solchen immer gern gebloggten Thesen ist noch nicht viel über das zukünftige Programm bekannt. Viel Recherche, Reportagen und Hintergründe soll es geben, Leser-Bindung durch Beteiligung, aber keinen "Schlagzeilen-Journalismus" wie anderswo.

Krautreporter-Journalismus wird sich wohl vorzugsweise in der guten alten Textform abspielen. Die meisten der 25 auf der Website vorgestellten Autoren sind Printjournalisten; unter ihnen befinden weniger bekanntere und über das Netz hinaus bekannte Leute; manche mit sehr generellen und einige mit sehr stark umrissenen Spezialgebieten. So gibt es einen Fachmann für Korruption im Sport, einen Militär-Experten und eine Frau für Afrika, aber auch Generalisten für Politik oder Gesellschaft und einen jungen Herrn, der mit naiven Fragen auf Youtube bekannt wurde; insgesamt eine eher zufällig wirkende Mischung.

Kann aus lauter Einzelkämpfern überhaupt ein Magazin aus einem Guss werden? Darum wird sich als Chefredakteur Alexander von Streit kümmern, der von Burdas Focus kommt und zuletzt die deutsche Test-Ausgabe von Wired geleitet hat.

Tortengrafik als Business-Plan
A propos Burda. Während deutsche Verlage auf der Suche nach werberelevanten Zielgruppen kaum noch Mut und Ideen für neue Titel mitbringen und die Branche vor allem auf Konsolidierungskurs liegt, haben Krautreporter-Gründer Sebastian Esser und sein Geschäftsführer Philipp Schwörbel sich mit einer Tortengrafik als Business-Plan tatsächlich das nötige Geld eingesammelt und sich eine Community erschaffen, die im Voraus zahlt. Für Inhalte, die ohnehin frei im Netz stehen werden, die es aber ohne diese Unterstützer nicht geben würde. Eine Wundertüte eben.

Werden die Krautreporter Erfolg haben? Warum nicht, wenn es ihnen gelingt, als journalistische Marke den Unterschied zu machen. Denn es ist ja so: Profilierte Krautreporter-Mitstreiter wie Stefan Niggemeier kann man bisher schon in ihren eigenen Blogs mit eigenen Spenden-Knöpfen oder in Verlagsmedien lesen - und wird das auch noch tun können, wenn bei den Krautreportern die Lichter ausgehen sollten.

Korrektur: Die deutsche Wired gehört Conde Nast und soll ab Herbst 2014 monatlich erscheinen.
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