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Missbrauchs-Recherche: Der Wächterpreis im Modelleisenbahn-Keller

Vor eineinhalb Wochen wurde einem Spiegel-Reporter der Henri-Nannen-Preis wieder aberkannt, weil er den Modelleisenbahn-Keller von Horst Seehofer nie betreten hat, obwohl man dies beim Lesen seines Textes vermuten konnte. Gestern wurde einem Team der Berliner Morgenpost der Wächterpreis der Tagespresse zuerkannt, obwohl einer der ausgezeichneten Journalisten selbst Zeitzeuge am Ort der geschilderten Ereignisse war, ohne dies transparent zu machen. Er hatte sozusagen den Modelleisenbahn-Keller seiner Geschichte betreten, aber man erfährt es nicht.

Enthüllung nach 30 Jahren
Worum geht es? Zwei Jesuiten-Patres missbrauchten Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre systematisch Schüler des Berliner Canisius-Kollegs. Doch es dauerte 30 Jahre, ehe die Übergriffe bekannt wurden. Die Berliner Morgenpost berichtete am 28. Januar 2010 als erste (Canisius-Kolleg: Missbrauchsfälle an Berliner Eliteschule) und recherchierte in den folgenden Tagen und Wochen weiter über Opfer, Täter und die Tragweite der Vorfälle.

Dem Redaktions-Team der Springer-Zeitung sei es gelungen, "das Tabu-Thema zum Thema zu machen", heißt er zur Begründung für die Auszeichnung. Elf Jahre zuvor sei ein Bericht der Frankfurter Rundschau über Missbrauch an der hessischen Odenwaldschule noch versandet. "Die Berichterstattung über die Vorfälle im Berliner Canisius-Kolleg, einer Jesuiteneinrichtung, hingegen löste eine bundesweite Diskussion aus, die bis heute nicht zu Ende ist."

Auszeichnung mit Schönheitsfehler
Die Preisvergabe hat nur einen Schönheitsfehler: Morgenpost-Chefreporter Joachim Fahrun, einer der belobigten Journalisten, war selbst Schüler am Canisius Kolleg. Er ist nur ein paar Jahre jünger als die missbrauchten Schüler, ihm müssen auch die beiden Patres zumindest noch über den Weg gelaufen sein. Und es gibt noch eine zweite Verbindung: Fahruns Eltern waren Lehrer am Kolleg, zeitweilig saßen sie mit den Missbrauchs-Tätern in einem Kollegium. Doch diese persönlichen Verbindungen des Rechercheurs zum Objekt seiner Recherche werden nicht dargestellt.

Auch nicht in den Making-offs, die dieser Tage beim Journalist und auf der Website des Wächterpreises erschienen. Dem Lokaljournalismus-Magazin Drehscheibe sagte Fahrun auf die Frage, wie die Berichterstattung begonnen habe: "Wir kennen uns gut aus in Berlin und sind gut vernetzt. So haben wir auch von dem Brief erfahren, den der Rektor des Canisius-Kollegs an ehemalige Schüler geschrieben hat, und in dem er sich für sexuelle Übergriffe, die an dem Gymnasium stattfanden, entschuldigt. Als uns der Brief vorlag, wussten wir sofort, dass es sich um eine große Geschichte handelt [...] Einige Kollegen von uns kennen die Schule sehr gut und so war es in der Redaktion schnell klar, um welche zwei Haupttäter es sich bei den Missbräuchen am Canisius-Kolleg handelt. Die Geschichten waren ja auch gerüchteweise in der breiten Schülerschaft bekannt." Dass er selbst die Schule besonders gut kennt, sagt Fahrun nicht.

Schließlich fehlt auch in den Morgenpost-Artikeln des vergangenen Jahres - sofern die schnelle Durchsicht nicht täuscht - jede Spur von dem, was im angloamerikanischen Raum Disclosure genannt wird: Der Hinweis, dass der Autor des Artikels Wie Lehrer am Canisius-Kolleg systematisch Schüler missbrauchten seinem Thema näher ist, als es der Leser wissen und erwarten kann.

Hätte Fahrun mit offenen Karten gespielt, hätte er wohl andere, persönlichere Geschichten schreiben müssen, anstatt wie ein kühl-distanzierter Berichterstatter zu agieren. Aber seine Redaktion verzichtete auf eine Offenlegung, und auch die Jury des Preises, der sich die Förderung der "Wächterfunktion der Presse" auf die Fahnen geschrieben hat, fragte offenbar nicht danach.

Hinweis: Der Schreiber dieser Zeilen war selbst Schüler am Canisius Kolleg und ist nicht mit Joachim Fahrun bekannt.
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