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Nach der Befreiung von Giuliana Sgrena Legenden und kalte Realität

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Der Staatspräsident ließ es sich nicht nehmen: Azeglio Ciampi persönlich verkündete, dass die italienische Journalistin Giuliana Sgrena, die am 4. Februar in Bagdad entführt worden war, nach vier Wochen freigekommen sei. Führende italienische Politiker, zahlreiche Medien und internationale Journalisten-Organisationen hatten sich in den vergangenen Wochen unter großer öffentlicher Anteilnahme für ihre Freilassung eingesetzt. Erleichterung herrschte auch bei der Zeit, zu deren Mitarbeiterinnen Sgrena gehört hatte. Tod eines Geheimdienstlers Wenn der Fall nicht schon ein Politikum war, so geriet er dazu spätestens durch den Tod eines italienischen Geheimdienst-Mitarbeiters, der die Journalistin begleitet hatte. Nach Medienberichten kam der Auto-Konvoi, in dem sie zum Flughafen transportiert wurde, unter US-amerikanischen Beschuss. Dabei wurde ihr Beschützer Nicola Calipari tödlich getroffen. Sgrena publizierte sogar den Verdacht, die Amerikaner hätten sie absichtlich unter Beschuss genommen. Der Todesfall sorgte für diplomatische Aktivitäten und machte den 50 Jahre alten Familienvater Calipari posthum zum Helden, der heute in Rom ein Staatsbegräbnis erhielt. "Wir haben eine Kameradin zurückbekommen. Wir haben jemanden, der unser Freund geworden wäre, verloren.", schrieb Sgrenas Zeitung Il Manifesto, derweil Ministerpräsident Silvio Berlusconi den amerikanischen Botschafter einbestellte. US-Präsident George Bush sagte eine sofortige Untersuchung des Falles zu. Italienische Staatsanwälte ermitteln wegen Totschlags und versuchten Mordes. Ungeklärte Befreiungs-Umstände Ob der Entführungsfall Sgrena jenseits der Trauer tatsächlich zur Legendenbildung taugt oder gar politische Motive dahinter stehen, sei dahingestellt. Noch ist nicht bekannt, welche Umstände ihre Freilassung ermöglichten. In italienischen Medienberichten wird über mindestens eine Million Dollar Lösegeld spekuliert. Während die Italienerin glücklicherweise wieder frei kam, ist das Schicksal ihrer französischen Kollegin Florence Aubenas weiterhin ungewiss. Die Journalistin der Liberation wird zusammen mit ihrem Übersetzer Hussein Hanoun al-Saadi schon seit 5. Januar 2005 vermisst. Ein Anfang März aufgetauchtes Video, in dem sie auf Englisch um Hilfe bat, weckte immerhin die Hoffnung, dass Aubenas überhaupt noch am Leben ist. Einheimische Journalisten besonders bedroht Doch in der Mehrzahl sind es einheimische Journalisten, die Opfer der Gewalt im Irak werden. Der Internationale Journalisten-Verband IFJ sprach erst vor wenigen Tagen "von einer beispiellosen Hexenjagd gegen das irakische Presse-Corps". Das ist die kalte Realität im Irak, wo nach fortgeschriebener Zählung von Reporter ohne Grenzen seit Kriegsbeginn 48 Journalisten und Medienmitarbeiter ums Leben kamen, ein Teil davon eben auch unter sogenanntem friendly fire.
Zuletzt bearbeitet 07.03.2005 11:52 Uhr
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