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Tagesspiegel

Porträt eines Internetevangelisten

Das hätte spannend werden können. "Bürgerrechtsaktivist, Blogger, Journalist, Lobbyist, Berater. 'Ich habe so viele verschiedene Rollen', sagt Markus Beckedahl, 'ich suche mir oft zielgruppenorientiert aus, als was ich gerade auftrete.'"

So treffend beginnt ein Porträt des "Internetevangelisten" (so nennt sich das in Amerika) und Publizisten von netzpolitik.org im Tagesspiegel. Ein Mann als, der wie ein Chamäleon in verschiedene Rollen schlüpft - das müsste dem "alten" Journalismus eigentlich unheimlich sein. Schließlich fordern manche seiner Protagonisten, ein Journalist dürfe keine PR machen. Und hat nicht Hanns-Joachim Friedrichs, die Gallionsfigur des Gentleman-Journalismus, geboten: Du sollst Dich nicht gemein machen?

Freundlicher Blogger
Gemein auch nicht als Lobbyist "für die Idee vom freien Netz", wie es im Tagesspiegel über den "freundlichen Blogger" Beckedahl heißt, "der die Netzwelt so gut erklären kann". Und der Politiker, Verbände und Unternehmen (welche eigentlich?) berät, aber seine Unabhängigkeit als "größtes Kapital" betrachtet.

All dies geht bei Beckedahl zusammen, man sieht es ja und liest es. Aber wie er das macht, wie er die Rollen überzieht und wechselt, als wären sie Trikots, wie er Transparenz, die Signatur des Netz-Aktivismus, herstellt, darüber hätte man gerne mehr erfahren. Doch erstaunlicherweise mag sich Tagesspiegel-Autorin Anna Sauerbrey gar nicht an dieser neuen Art von eigenunternehmerischem Journalismus mit angrenzender Agentur reiben. Dabei hätte ein tiefer schürfender Artikel auch etwas über das Selbstverständnis eines sich rasant wandelnden Berufsbildes verraten.

So ist daraus nur ein nett geschriebenes Porträt geworden; eines, das zwar alte Klischees der Holzmedien über dieses Internet-Dingens nicht mehr aufwärmt, andererseits aber auch niemanden in der Blogosphäre verärgern wird. Schade, hätte spannend werden können.
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