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Prantl in der Realitäts-Falle

Ausriss aus der Süddeutschen vom 10. Juli
Foto: Netzpresse
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Ausriss aus der Süddeutschen vom 10. Juli
Foto: Netzpresse
Im vergangenen Jahr wurde einem Spiegel-Redakteur der renommierte Wächter-Preis wieder aberkannt, weil er eine Modelleisenbahn, jene von Horst Seehofer nämlich, beschrieben, aber nie wirklich gesehen hatte. Danach setzte in der Branche eine Debatte darüber ein, ob ein Reporter den Eindruck erwecken darf, dabeigewesen zu sein, wenn er das Geschilderte gar nicht selbst erlebt hat.

Kapitales Seite-3-Stück
Das Beispiel des Spiegel-Autors René Pfister hätte dem promovierten Juristen Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, wohl zu Denken geben müssen. Doch der bekannte Journalist tappte mit einem kapitalen Seite-3-Stück, anlässlich der bevorstehenden Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Euro-Rettung erschienen am 10. Juli, direkt in die Realitätsfalle. Mit der geschwätzigen Opulenz eines Alfred Biolek schilderte er die Kochkünste des Bundesverfassungsrichters Voßkuhle und baute eine Brücke zur Rechtsprechung des obersten Gerichts.
Zu den größten Geheimnissen der Republik gehört das Beratungsgeheimnis in Karlsruhe. Wie schafft es Voßkuhle, die Eigenheiten und Eitelkeiten, den Eigensinn und den Stolz, die intellektuelle Schärfe und den Hochmut verschiedenster Richterpersönlichkeiten einzuhegen und dann ein einhelliges Urteil zu destillieren? Das Geheimnis lüftet sich in seiner Küche, bei ihm zu Hause. Die Küche ist sein Lieblingsort – der Ort, an dem das Fleisch geklopft, der Fisch entgrätet, das Gemüse gegart und das Essen abgeschmeckt wird[...]

Natürlich hat der Gastgeber alles sorgfältig vorbereitet, natürlich steht die Menüfolge fest; aber es entsteht alles gemeinsam. Jeder hat seinen Part, jeder hat was zu schnippeln, zu sieden und zu kochen, jeder etwas zu reden: Es geht um die Nudel, die Küchenrolle und um die Welt. Voßkuhle selbst rührt das Dressing. Man ahnt, wie er als oberster Richter agiert.
Seehofer hatte damals nichts gegen die Kolportage aus seinem Modelleisenbahn-Keller; er erzählte die Geschichte sogar selbst weiter. Voßkuhle hingegen muss die Enthüllung seiner angeblichen Küchengeheimnisse zutiefst missfallen haben.

Voßkuhle mag kein Dressing
So stand denn auf der Titelseite der FAZ ein Leitartikel von Reinhard Müller mit den geheimnisvollen Eingangsworten:
Andreas Voßkuhle mag kein Dressing. Aber er muss damit leben, dass ihm das von vermeintlichen Zeugen seiner Kochkunst angedichtet wird
Auf eine namentliche Erwähnung Prantls verzichtete der Leitartikler. Aber man wusste, wer gemeint war, zumal Voßkuhle eine Gerichtssprecherin auf Anfrage des Tagesspiegels hatte ausrichten lassen, "dass Herr Prantl weder für diesen Artikel noch zu einem anderen Zeitpunkt von Herrn Voßkuhle zu einem privaten Essen eingeladen wurde, geschweige denn aus persönlicher Anschauung mit den Kochgewohnheiten des Präsidenten vertraut sein kann."

Treffer, ein schallendes Dementi! Da hatte sich der Herr Präsident aber fein revanchiert bei der "SZ-Edelfeder" (Focus). Seite-3-Chef Alexander Gorkow soll geschäumt und Prantl - einem Chefredakteur (!) - mit Schreibverbot gedroht haben. Die Süddeutsche brachte dann "in eigener Sache" eine zerknirschte Entschuldigung:
Bei dieser Schilderung konnte der Eindruck entstehen, Prantl sei selbst Gast im Hause Voßkuhle gewesen. Das war nicht der Fall. Der Autor hat sich die Szene vielmehr von Teilnehmern der Küchenrunde schildern lassen, ohne dies ausdrücklich kenntlich zu machen. Die Redaktion bedauert diesen Fehler.
Adabei in Verfassungsrichters Küche
Für den Spott brauchte der vermeintliche Adabei in Verfassungsrichters Küche sowieso nicht zu sorgen. Das FAZ-Feuilleton erklärte, "was man tun muss, um den Henri-Nannen-Preis nicht zu gewinnen". "Erschreckend, wie erlegen diese Männer der starken Titte Eitelkeit doch immer wieder sind", wunderte sich die taz-Medienkriegsreporterin, während Alan Posener in der Welt imaginierte, wie Prantl ihm ein Gulasch kocht.

"Trunken vom Arbeitsweinchen" sei Prantl gewesen, scherzte wiederum Robert Leicht in der Zeit, hatte aber in schräger Grammatik auch noch etwas Grundsätzliches zu vermitteln: "Es war von jeher so, dass ein Kommentator, der sich, wenn schon nicht als oberster Richter, so doch als hoher Moralhüter gibt, sich bei solchen Geschichten der Gefahr der Lächerlichkeit aussetzt."

Mit Story-Dressing begossen
Bleibt die Frage: Ist es tatsächlich so schimpflich, wenn ein Autor szenisch berichtet, was er selbst gar nicht erlebt hat, oder reagieren wir in Zeiten von Scripted Reality einerseits und Transparenz-Correctness andererseits nur besonders allergisch darauf? Ein Enthüllungsjournalist etwa ist in den seltensten Fällen dabei, wenn der von ihm enthüllte Vorgang stattfindet, und dennoch wird zur Veranschaulichung solcher Sachverhalte gerne eine szenische Schilderung gewählt.

Dumm nur, wenn die Kolportage wie bei Prantl fehlerhaft ist. Wenn's mit dem Autor durchgeht und er vor lauter Authentizitätsversessenheit den Eindruck erweckt, als sei das Story-Dressing wichtiger als der damit begossene Gegenstand seines Textes. Wenn aber dieser Gegenstand Präsident des Bundesverfassungsgerichts ist und ihm die Sauce nicht schmeckt, dann kann die ganze Chose übel ausgehen.
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