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RTL wieder Jahressieger der deutschen TV-Lethargie

2011 war ein miserables Fernsehjahr, es sei denn, man heißt RTL und lässt sich schon fast routinemäßig als Quoten-Krösus feiern. Die Kölner, die ausgerechnet im Fußball-WM-Jahr 2010 der ARD die Marktführerschaft abgejagt hatten, durften mit 14,1 Prozent im Gesamtpublikum und rekordträchtigen 18,4 Prozent bei der sogenannten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen eine ungefährdete Titelverteidigung bejubeln. Für die Konkurrenz ging es dagegen bergab.

Während RTL 0,5 Prozentpunkte zulegte, fuhr die ARD (12,4 Prozent) - von 2004 bis 2009 noch regelmäßig Quotensieger - 0,8 Prozentpunkte nach unten. Im Jahr der Frauen-Fußball-WM schaffte das ZDF zwar mit dem Viertelfinalspiel Deutschland gegen Japan (17,01 Millionen Zuschauer/59,2 Prozent) die meist gesehene Sendung des Jahres, verlor aber über das Jahr hinweg auch 0,6 Punkte (12,1 Prozent). Beide öffentlich-rechtlichen Flaggschiffe strandeten auf einem Rekord-Tief.

Untot oder lebendig
Was ist los mit der Glotze? Vom "untoten Medium" hat der Spiegel kürzlich geschrieben: Die Deutschen schauen - komme, was da wolle - trotz Internet und Digitaltechnik mehr lineares Fernsehen, und dort am liebsten eben RTL. 70 der 100 bei den 14- bis 49-Jährigen erfolgreichsten Sendungen liefen nach eigenen Angaben bei dem Kölner Sender. Das RTL-Publikum lässt sich auch vom schlechten Image der Scripted-Reality-Formate, mit denen der Marktführer das Nachmittags-Programm dominiert, nicht abschrecken.

Auf der anderen Seite hat die ARD 2011 eine Programmreform rund um die Tagesthemen gestemmt, Günther Jauch verpflichtet und ihr Heil in einer Talkshow-Offensive gesucht. Die Zuschauer scheint das Gequassel weder verstärkt zu interessieren noch besonders zu langweilen. Sicher ist nur, dass der von Montag auf Donnerstag verschobene Reinhold Beckmann der Quoten-Verlierer der fünf Talkshow-Abende ist. Der Mann hat einfach den falschen Programmplatz erwischt.

Untotes Medium? In den Quoten und Befunden schlägt sich eine deutsche TV-Lethargie nieder, die wenig Lebenssäfte birgt und in Routine erstarrt. Auswege sind nicht in Sicht. RTL muss weiterhin die Cash Cow für Bertelsmann machen, auch wenn die Werbemärkte nun wieder einknicken sollten, und wird seine Erfolgsmodelle also bis zum Erbrechen ausreizen.

Wenig zu erwarten
Auch von den Öffentlich-Rechtlichen ist in Zukunft eher weniger zu erwarten. Die Rundfunkgebühr wurde im Zuge der Umstellung auf die Haushaltsabgabe bis 2015 gleichsam eingefroren. Die Anstalten sollen sparen.

Selbst der große Politpate des Rundfunks, Kurt Beck, denkt öffentlich über eine Reduzierung der von ARD und ZDF gerne als Beispiel für Innovationen angeführten Digitalkanäle nach - kaum dass ZDF-Intendant Markus Schächter in den Ruhestand wechselt. Der Mann hatte jahrelang die digitale Expansion der Mainzer Anstalt betrieben - und dabei auch mal die Stellenabbau-Vorgaben der KEF ignoriert. Putzig, dass ARD und ZDF sich jüngst noch bei den Nachrichten im gemeinsamen Vormittagsprogramm auseinander dividierten.

Tristes Kapitel
Und die früheren Kirch-Sender? Im Todesjahr des einstigen "Medienmoguls" (21. Oktober 1926 bis 14. Juli 2011) ein tristes Kapitel. Sat.1 legte 2011 auch unter dem Not-Kapitän Andreas Bartl, der die Führung im Oktober an Joachim Kosack abgab, trotz der öffentlich-rechtlichen Starre nur nullkommaeinen Punkt auf glatte elf Prozent zu. ProSieben (8,5 Prozent) verlor sogar 0,2 Punkte beim Gesamtpublikum.

Dafür hat Kleinsender Kabel Eins bei den 14- bis 49-Jährigen mit 6,1 Prozent schon fast zum ZDF (6,2 Prozent) aufgeschlossen. Da sehen die Mainzer, die bei den jüngeren Zuschauern einen halben Prozentpunkt verloren haben, mal wieder ganz alt aus.
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