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Financial Times Deutschland

Von Brüssel bis Berlin-Friedrichshain bedrohte Werbemilliarden

Seit Januar 2007 gilt in den EU-Staaten ein komplettes Werbeverbot für Tabakwaren in Printmedien und im Internet, und im von Alkoholexzessen Jugendlicher geplagten Berliner Bezirk Friedrichshain wollen lokalpolitisch linke "Überzeugungstäter" Zigaretten- und Schnapswerbung sogar von den Straßen verbannen. Mehr noch: Bis Ende des Jahres soll bis zu ein Fünftel der Anzeigenfläche für Autowerbung mit Warnhinweisen zu Benzinverbrauch und CO2-Ausstoß bepflastert werden. So will es Brüssel, nicht Berlin-Friedrichhain.

All diese Restriktionen stimmen die Werbebranche naturgemäß wütend, wie die Financial Times Deutschland zu berichten weiß - garniert mit kräftigen Zitaten der Protagonisten. Da schimpft der Sprecher des Zentralverbandes der Deutschen Werbewirtschaft, Volker Nickel, über ein "gigantisches Umerziehungsprogramm" und eine "neosozialistische Versuchsanordnung". Springer-Chef Mathias Döpfner sieht eine "hochgradige Bedrohung von freiem Wettbewerb und freiem Journalismus". Als wäre Schnaps nicht auch eine Bedrohung für manche Journalisten.

Nach ZAW-Schätzungen sind Werbeeinnahmen von vier Milliarden Euro bedroht, davon allein 700 Millionen bei den Zeitungen, die zudem das Problem haben, dass Warnhinweise auf Papier störender auffallen als in elektronischen Medien. Die betroffenen Branchen reagieren darauf unterschiedlich.

Während die Alkohol-Industrie auf Pläne der Bundesdrogenbeauftragten, Werbung und Sponsoring einzuschränken, mit Imagekampagnen reagierte, hat sich die Tabak-Branche zerstritten. Im letzten Sommer löste sich der Verband der Cigarettendindustrie auf, weil Branchenprimus Phillip Morris in einem Schachzug von "Appeasement-Politik" (ZAW-Mann Nickel) auf Kosten seiner Konkurrenten selbst Verbote für die Außenwerbung gefordert hatte.
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