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Süddeutsche Zeitung, Rheinischer Merkur, Tageszeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Zeitungszeugen - Zensur, oder was?

Der Freistaat Bayern ist erfolgreich gegen die Re-Publikation des Völkischen Beobachters und anderer Nazi-Titel als Faksimile-Beilagen der Reihe Zeitungszeugen vorgegangen. Deren englischer Verleger spricht nun von Zensur und beruft sich auf das wissenschaftliche Zitatrecht: Schließlich seien die Zeitungszeugen-Ausgaben von einem historischen Kommentar umgeben.

Geht es also um Zensur oder um die Verhinderung der Verbreitung von braunem Schriftgut? Um faksimiliertes Studienmaterial oder um Geschäftemacherei? Herausgeber Peter McGee - der von den 300.000 Exemplaren der Startausgabe nach eigenen Angaben rund 200.000 Stück a 3,90 Euro verkauft hat, von der teilweise beschlagnahmten zweiten Ausgabe aber nur noch 150.000 - habe Bayern als Rechteinhaber vorher nicht von dem Projekt informiert, schreibt die Süddeutsche Zeitung: "Der Streit war offenbar einkalkuliert - und er brachte Aufmerksamkeit."

Der Rheinische Merkur hat sich die Zeitungszeugen angeschaut und ist ebenfalls skeptisch. "In der Heftmitte, wo bei der 'Bravo' der Starschnitt die Popfans erfreut, wartet in den 'Zeitungszeugen' ein Plakat der NSDAP darauf, herausgerissen und an die Wand geklebt zu werden. Immerhin: Adolf Hitler als Pin-up-Boy gibt es nicht." Fazit: "Wissenschaft sieht anders aus." Dass ausgerechnet ein britischer "Geschichtsgeschäftsmann" dafür sorge, "dass die hässlichen Gedanken nicht ausgehen", sei pikant.

Als wissenschaftliches Werk sei die "Loseblattsammlung eine Lachnummer", schimpft das FAZ-Feuilleton und fragt sich, wie ein bekannter Historiker wie Hans Mommsen seinen Namen dafür hergeben konnte. Die Zeitungszeugen seien "eine Verhübschung des Grauens, die grauenhaft ist." Entspannter sieht die taz die Angelegenheit: Die deutsche Leserschaft sei "aufgeklärt genug", Nazi-Publikationen im Ganzen zu lesen. "Es gibt Neonazis in Deutschland - es werden nicht weniger dadurch, dass Projekte wie Zeitzeugen von Gerichten untersagt werden."
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