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Eine Medien-Zukunfts-Encyklopädie, nicht allzu kommunikativ, aus Cambridge

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Der etablierte Journalismus verliert seine Deutungshoheit und ächzt unter dem Kostendruck, während die ihn tragenden Verlags- und Medienhäuser um den Erhalt ihrer Geschäftsmodelle ringen. Der neue Journalismus hingegen ist Netz-affin, setzt auf Social Media, neue Strukturen und Selfmade-Unternehmertum, existiert aber eher als emphatische Verheißung für eine noch ungewisse Zukunft. Einige seiner vorwitzigsten Protagonisten machen längst selbst keinen Journalismus mehr, sondern sitzen auf einem Publizistik-Lehrstuhl oder verdienen ihr Geld als Trainer, Berater und Konferenz-Hopper.

Orientierung und Systematisierung
Was wird also aus dem Journalismus? Zwischen Zukunftsangst und Hype tut etwas Orientierung und Systematisierung gut. Das Nieman Journalism Lab an der Harvard-Universität versucht dieser Aufgabe mit einem Nachschlagewerk gerecht zu werden. Encyclo ist laut Untertitel eine "Enzyklopädie über die Zukunft der News", und zwar eine durchaus positiv gestimmte. Konzeptionell wirkt Encyclo wie ein Kontrastmittel zum Medienwandel, ein Staudamm im Nachrichtenstrom, den ja auch das Nieman Lab mit seinem empfehlenswerten Twitter-Feed und den Medien-News auf der eigenen Website in hoher Frequenz nährt.

Dass beim Besuch der Encyclo-Homepage zufällig gerade Apple anstatt eines typischen Medienhauses als "Featured entry" angepriesen wird, braucht nicht zu verwundern. Der Medienwandel ist eben ein Technologie-getriebener; der Journalismus muss in der digitalen Welt erst seinen Platz finden.

Fokus auf die Akteure im Medienwandel
Zum Start hat Encyclo schon eine erkleckliche Zahl an Einträgen - wir ermittelten rund 200 - vorzuzeigen; die behandeln durchweg einzelne Medien, also die Akteure des Medienwandels, und deren Innovationen. "Unser anfänglicher Fokus liegt auf jenen Firmen und Organisationen, die einen großen Einfluss auf die Zukunft der News besitzen", schreiben die Macher. Was "hyperlocal" bedeutet, wie Videojournalismus funktioniert - zu solchen Begriffen gibt es keine eigenständigen Artikel. Leider fehlt auch eine entsprechende Verschlagwortung in Form von Tags, die dann wiederum auf passende Medien-Einträge verweisen. Damit haben sich die Nieman-Leute eine weitere Dimension zur Erschießung ihrer Enzyklopädie verbaut.

Fokussiert wird sowohl auf Oldschool-Medienkonzerne wie die New York Times, die auch online stilprägend wirken, als auch auf Neugründungen wie das West Seattle Blog, ein Beispiel für hyperlokalen Journalismus, das es ohne das Internet gar nicht gäbe. Der Fokus auf angloamerikanische Unternehmen schadet im Übrigen auch für deutsche Nutzer nicht. Schließlich stammen fast alle Konzepte zur Zukunft des Journalismus', die auch hierzulande propagiert werden, aus den USA.

Eintrags-Anatomie
Encyclo-Einträge bestehen aus gut lesbaren Hauptartikeln mit externen Verlinkungen. Den Hauptartikeln beigestellt sind mehrere Ressourcen: Passende News-Artikel aus Fremdquellen und aus dem eigenen Archiv, die nach Angaben der Macher regelmäßig redaktionell aktualisiert werden sollen, einer Schlagwort-Liste verwandter Einträge sowie dem passenden Feed des Nachrichten-Aggregators Mediagazer. Alles sehr übersichtlich.

Dagegen vermisst man eine Anbindung an entsprechende Wikipedia-Artikel. Auch Verweise auf verwandte Quellen wie das Who Owns What-Verzeichnis beim Columbia Journalism Review fehlen. Universitäre Rivalität vor Link-Ökonomie?

Für ein Getränk der Wahl
Über einer gesondertes Formular nimmt Encyclo Nutzer-Anregungen entgegen. Als Kompensation versprechen die Macher Dankbarkeit und ein Getränk der Wahl, falls man gerade mal in Cambridge vorbeikommen sollte. Nun ja. Eine Wiki-artige Kollaboration ist nicht vorgesehen. Um Links auf Encyclo-Einträge leicht anderswo einzubinden, steht ein Widget bereit. Ein API, um die Einträge gezielt anzuzapfen, fehlt.

Allzu kommunikativ gibt sich die neue Medien-Zukunfts-Encyklopädie also noch nicht. So bleibt es dem Nieman Lab überlassen, die Website in Eigenregie auszubauen und weiterzuentwickeln. Die notwendigen Mittel und Ressourcen dürfte das mit Stiftungsgeldern finanzierte Journalistik-Institut an der renommierten Harvard-Universität besitzen.
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