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"Tief betroffen": Die RBB-Welle Radioeins und der Tod einer Bergsteigerin

Ausschnitt der inzwischen vom Netz genommenen Website der Berliner Expedition mit Radioeins als Partner (Screenshot)
Ausschnitt der inzwischen vom Netz genommenen Website der Berliner Expedition mit Radioeins als Partner (Screenshot)
In den Hauptnachrichten erfuhren Hörer der Berlin-Brandenburger Radiowelle Radioeins am Montag morgen, dass eine Berliner Expedition auf den 8.000er-Gipfel Broad Peak in Pakistan wegen des tödlichen Unglücks einer Teilnehmerin abgebrochen worden sei. Nun ist der Alpin-Tourismus längst zu einem Massen-Phänomen geworden; auch Todesopfer sind nicht selten.

Ein zweites "Wetten, dass ...?"
Warum also brachte Radioeins diesen Unfall in seinen Nachrichten? Der Grund ist, dass die als seriös und geschmackssicher geltende Radiowelle mit dem Claim "Nur für Erwachsene" gerade eine zweiten "Wetten, dass ...?"-Unglücksfall erlebt. Nur, dass es hier nicht um eine Wette geht, bei der ein Stuntman über Autos hüpft, sondern eben um eine Bergtour, die der Potsdamer Sender "redaktionell begleitet" und zu der er einen eigenen Hörer entsandt hat.

In beiden Fällen - bei der ZDF-Fernsehshow und bei der Radio-Expedition - war das eingegangene Risiko zu hoch. Im Fall von Radioeins müssen sich die Programm-Macher nun mit einem Todesopfer auseinandersetzen. Der Schock bei den Radio-Leuten ist groß. Wie zu hören ist, war die Verunglückte die einzige weibliche Expeditions-Teilnehmerin. Der Unfall soll sich an einer eigentlich unverfänglichen Stelle am Basislager in 4.900 m Höhe ereignet haben.

Gelöschte Berichte
Sieben Wochen sollte die Expedition dauern, wenn das Wetter mitspielt. Am Ziel, so versprach der Expeditionsleiter in einem Interview, wollte man die Flagge mit den Logos des Senders und eines Outdoor-Ausrüsters gemeinsam auf dem Gipfel hissen und sich wenn möglich per Satelliten-Telefon live im laufenden Programm melden.

Das Interview und andere Berichte, darunter auch Fotos mit der verstorbenen Teilnehmerin, sowie eine eigene Expeditions-Website wurden inzwischen vom Netz genommen, "um die Angehörigen und das Team vor einem Missbrauch der Bilder zu schützen". Auf der Sender-Website heißt es, die Redaktion sei "tief betroffen. Unsere Gedanken sind beim Team. Unsere Anteilnahme gilt den Angehörigen und Freunden." Zuvor hatte die RBB-Welle über die Expedition unter dem Slogan "Hart am Limit" berichtet. Im Nachhinein klingt diese Wortwahl alles andere als glücklich.

Musste das sein?
Bleibt die Frage, warum ein öffentlicher-rechtlicher Sender überhaupt beim Alpinismus Flagge zeigen muss. Ohne Promotion ist Radio-Programm allerdings nicht mehr denkbar. Ständig treten die Potsdamer - wie andere Wellen auch - als Unterstützer von Konzerten und anderen Veranstaltungen auf; dafür wird dann in Veranstaltungs-Tipps geworben, Künstler und andere Protagonisten erscheinen zu Interviews. Für die Hörer ist nicht mehr klar, ob solche Programm-Elemente rein redaktionelle Entscheidungen sind oder nur der Promotion geschuldet.

Die Berg-Tour ist ein besonderer Fall von Image-Werbung. Statt wie die Privatsender mit zumeist dämlichen Gewinnaktionen im hart umkämpften Berliner Radiomarkt auf sich aufmerksam zu machen, sucht man bei Radioeins nach originelleren Ideen: Diesmal sollte es eben hoch hinaus gehen.

Der Broad Peak geriet zwar 2012 in die Negativ-Schlagzeilen, gilt aber unter den 8.000ern als weniger gefährlich. Die Potsdamer Programm-Macher hatten offenbar ihre Sorgfaltspflicht nicht verletzt: Ein erfahrener Bergführer würde die Berliner Expedition leiten; die Teilnehmer waren sorgsam ausgewählt. Trotzdem gibt es nun einen Todesfall, und bei Radioeins muss man sich fragen, ob diese Aktion wirklich sein musste.
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