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Deutsche fast vier Stunden täglich vor der Glotze - meistens bei RTL

Fußball ist in HD erst richtig schön.
Foto: Dr. Motte/Flickr CC BY 2.0
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Fußball ist in HD erst richtig schön.
Foto: Dr. Motte/Flickr CC BY 2.0
2010 war nicht nur das Fernseh-Jahr, in dem sich RTL nach sieben Jahren die Quoten-Marktführerschaft zurückholte, sondern auch ein Rekord-Jahr: Durchschnittlich 223 Minuten saßen die Deutschen ab 3 (!) Jahren - die über 14-Jährigen sogar fast vier Stunden - täglich vor dem TV-Apparat. Da staunt der Fachmann, und der Social-Media-Prophet wundert sich: Wo die Glotze doch gar keinen Rückkanal, keinen Gefällt-mir-Button und keine Kommentarfunktion hat?

Zuverlässig und aufgekratzt berieselt
Vielleicht ist es gar kein Zufall, dass beides - die hohe Sehdauer und das Comeback von RTL - zusammenfallen. Denn wo sonst wenn nicht bei den Kölnern wird man den ganzen Tag dermaßen zuverlässig und aufgekratzt berieselt, in einem ewigen Strom vom Hausfrauen-Programm am Vormittag über die Dokusoaps am Nachmittag bis zum wohlverdienten Abend mit Bohlen, Jauch und Dr. House. Das bestätigt die Quoten-Statistik, die RTL fast durchgängig hohe Marktanteile bescheinigt. Mit durchschnittlich 30 Minuten täglich liegt RTL auch bei der Sehdauer vorne.

Klar: Ob der Fernseher, der in seiner beim Konsumenten begehrten modernen Ausprägung als flache Großbildschirm-Flunder freistehend als Hausaltar oder aufgehängt als modernes Wandgemälde fungieren kann, nur Geisterbilder mit Hintergrund-Gedudel liefert oder ob tatsächlich ein Couch-Potato aufmerksam davorsitzt, das kann selbst die Fernsehforschung nicht messen. Hauptsache, die schicke Kiste läuft, und zwar im Osten - nicht Neues - länger als im Westen.

Viel Zeit, viel fern
Der Trend ist klar: Zuwächse gibt es in allen Alters- und Bevölkerungsgruppen, auch bei der sogenannten Generation Internet. Eine Erklärung dafür liegt in der Meßmethodik begründet, die seit Juli 2009 auch zeitversetztes Fernsehen misst und Gäste im Fernseh-Haushalt berücksichtigt, weshalb der Vergleich, dass die Deutschen 2010 elf Minuten länger Fernsehen geschaut haben als 2009, statistisch nicht sauber ist.

Wer viel Zeit hat, sieht auch viel fern, so lautet die klassenlose Faustregel, die Matthias Wagner von der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung in der Berliner Zeitung aufgestellt hat. Das stimmt irgendwie für alle, egal ob reich oder arm, auch wenn die sozial Schwachen mehr Zeit mit dem Fernseher verbringen. Wer keinen Job hat, hat aber eben auch mehr Zeit.

RTL, Quotenmeister trotz Fußball
Doch RTL ist der Quotenmeister für alle - nicht nur in der soganannten werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, sondern auch beim Gesamtpublikum: 13,6 Prozent Marktanteil - 1,1 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr - machten den nach Köln-Deutz auf die andere Rhein-Seite umgezogenen Privatsender zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder zur Nummer 1 vor dem Ersten. Das ist eine krachende Niederlage für die ARD, die mit 13,2 Prozent (plus 0,5) aus Fußball-Weltmeisterschaft und Olympia nicht genügend Kapital schlagen konnte. Auch das ZDF kam nur auf 12,7 Prozent (plus 0,2). In der "Zielgruppe" wurden ARD (7,3 Prozent) und ZDF (6,7 Prozent) sogar noch vom Kleinsender Vox (7,7 Prozent) geschlagen.

Was nutzte es da, dass die ARD mit WM-Kick, Lenas Eurovision Song Contest und den rituellen Tatort-Krimis lauter einzelne Quoten-Kracher zündete? Auf Dauer setzte sich doch RTL durch, obgleich der Bertelsmann-Sender beim Programm sparen musste, um der Konzern-Mutter weiter Gewinne zu liefern. Doch anders als die abbauende ProSiebenSat.1-Gruppe, die 2011 wohl wieder einmal unter den Hammer kommen wird, scheint RTL unverwundbar. Programm-Innovationen gab es keine, dafür setzte Sender-Chefin Anke Schäferkordt auf ihre Erfolgsformate, auf Superstars, Schuldnerberater, Restauranttester und natürlich auf die Bauersfrauen. Das Publikum dankte es ihr, mit einer bewundernswerten Ausdauer.
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